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Symbolbild: Die Wasserstoffwirtschaft: Vision mit Konfliktpotenzial

Die Wasserstoffwirtschaft: Vision mit Konfliktpotenzial

Grüner Wasserstoff – für die Bundesregierung ein Schlüsselelement der Energiewende. Die Wasserstoffwirtschaft als Allheilmittel auf dem Weg zur Klimaneutralität? Wohl kaum. Angesichts der Knappheit der Ressource und ambitionierter Klimaziele muss die Politik entscheiden, in welchen Sektoren der zunächst nur in kleinen Mengen verfügbare Grüne Wasserstoff prioritär eingesetzt werden soll. Das strategische Management von Beziehungen zu Stakeholdern und die Kommunikation glaubwürdiger Visionen und Argumente stellt vor diesem Hintergrund einen entscheidenden Faktor für den zukünftigen Erfolg von Unternehmen dar.

Grüner Wasserstoff wird als einer der Eckpfeiler zur Realisierung der Klimaneutralität unserer Gesellschaften gehandelt. Für Sektoren, deren Geschäftsmodelle auf dem Einsatz oder der Distribution fossiler Energieträger beruhen, stellt die Technologie eine Chance zur nachhaltigen Transformation dar.

Das Problem: Grüner Wasserstoff ist eine knappe Ressource und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Über die zukünftige Rolle des Energieträgers wird daher nicht allein im marktwirtschaftlichen Wettbewerb, sondern ebenso sehr im politischen Diskurs entschieden. Die Bundestagswahl im September könnte dabei die Karten in der Debatte über den prioritären Einsatz von Grünem Wasserstoff in der kommenden Dekade neu mischen.

Konfliktlinien im Wasserstoffdiskurs

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat ein klares Ziel vor Augen: „Wir wollen bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt werden“. Hierfür hat die Bundesregierung die Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet und Wasserstoff als zentrales Element für Klimaschutz und die Zukunft der deutschen Wirtschaft definiert.

Wasserstofftechnologien, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), versprechen darüber hinaus „viele zukünftige Arbeitsplätze, neue Wertschöpfungspotentiale und einen globalen Milliardenmarkt“. Bund und Länder investieren massiv in die Technologie. So gab die Bundesregierung Ende Mai bekannt, 62 Wasserstoff-Großprojekte mit insgesamt 8 Milliarden Euro zu fördern. Bis 2030 prognostiziert die Unternehmensinitiative Hydrogen Council Investitionen von über 340 Milliarden US-Dollar in die Herstellung und Distribution von Wasserstoff sowie in die Entwicklung von Anwendungen, die Wasserstoff nutzen.

Die Nationale Wasserstoffstrategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Die Nationale Wasserstoffstrategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) / Screenshot

Grundsätzlich findet die Vision einer Wasserstoffwirtschaft als Baustein einer weiterhin starken aber dekarbonisierten deutschen Industrie bei vielen Stakeholdern Anklang. Konfliktlinien tun sich aber bei der Frage auf, wofür der Anfangs knappe Grüne Wasserstoff zu nutzen ist.

Für Industrieverbände wie den Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) ist Wasserstoff das „Allround-Talent“ zur Dekarbonisierung des Industrie-, Verkehr- und Wärmesektors. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) setzt sich für regenerative Kraftstoffe ein und geht damit einen Schritt weiter. Aus Sicht der Interessensvertreter der Automobilwirtschaft sollte Wasserstoff nicht nur direkt in Brennstoffzellen, sondern darüber hinaus als synthetischer Kraftstoff (E-Fuel) im konventionellen Verbrennungsmotor genutzt werden.  Die Brancheninitiative Zukunft Gas wiederum will neben Grünem Wasserstoff auch Technologien zur Erzeugung von CO2-neutralem Wasserstoff aus Erdgas fördern. Ein Ansatz dafür ist die sogenannte Dampfreformierung mit anschließender CO2-Speicherung.

Synthetische Kraftstoffe im Verbrennungsmotor, Wasserstoff aus fossilen Quellen – hier klingeln die Alarmglocken der Klimaschutzverbände. Sie sehen Klimaschutzbemühungen und Energiewende durch den Einsatz energetisch ineffizienter Technologien bedroht. Für das Öko-Institut darf Wasserstoff nicht mehr als der „Champagner der Energiewende“ sein. Denn jede Umwandlung von Strom in andere Energieträger geht mit Energieverlusten einher.

Am Ende entscheidet die Politik

Die Bundesregierung steht den verschiedenen Vorschlägen aus der Wirtschaft erst einmal offen gegenüber. In der Nationalen Wasserstoffstrategie wird kein Anwendungsfeld und keine technologischer Ansatz explizit ausgeschlossen. Die Bundestagswahl am 26. September könnte die Karten in der Debatte über den Einsatz von Wasserstoff in der kommenden Dekade aber neu mischen.

CDU und CSU unterstützen die Offenheit der Wasserstoffwirtschaft für alle Sektoren. Darüber hinaus plädiert die CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Berücksichtigung von CO2-neutralem Wasserstoff aus Erdgas im künftigen Wasserstoffmarkt sowie für den Einsatz synthetischer Kraftstoffe im Verkehrssektor. Allerdings haben die Unionsparteien ihr finales Wahlprogramm noch nicht veröffentlicht.

Die Bundestagswahl 2021 könnte die Weichen für die Zukunft der Wasserstoffwirtschaft stellen

Die Bundestagswahl 2021 könnte die Weichen für die Zukunft der Wasserstoffwirtschaft stellen

Die SPD steht dem Einsatz von Wasserstoff in zahlreichen Sektoren in ihrem Wahlprogramm offen gegenüber. Allerdings nur dort, „wo eine direkte Elektrifizierung nicht sinnvoll ist“. Weitere Bedingung: Der Wasserstoff stammt aus erneuerbaren Energien. Die Grünen werden in ihrem Wahlprogramm   bereits konkreter und wollen den Wasserstoffeinsatz auf bestimmte Anwendungen beschränken. Sie betonen: „Die Herstellung von Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen ist extrem energieintensiv und teuer, die direkte Nutzung von Strom durch Batterien oder Wärmepumpen viel effizienter. Es gilt daher Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe dort zum Einsatz zu bringen, wo sie wirklich gebraucht werden: etwa in der Industrie oder beim Flugverkehr“.

Was bedeutet dies für betroffene Unternehmen?

Schlussendlich wird in den Koalitionsverhandlungen und durch die nächste Regierungskoalition darüber entschieden werden, in welchen Sektoren das knappe Gut Grüner Wasserstoff prioritär zur Treibhausgasminderung eingesetzt werden soll und welche sonstigen Formen der Wasserstofferzeugung als Klimaschutzoption anerkannt werden.

Für Unternehmen, die sich im Wasserstoffmarkt engagieren wollen oder deren bestehende Geschäftsmodelle von Entscheidungen zum Thema abhängen, bedeutet dies, den politischen Diskurs eng zu begleiteten, um ihre Interessen erfolgreich vertreten zu können. Dafür gilt es die politischen Entwicklungen zum einen zu monitoren, um von keiner Entwicklung überrascht zu werden. Zum anderen sollten Unternehmen aktiv in die Diskussion mit Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft treten.

Fragen von Klima und Nachhaltigkeit werden nicht mehr allein in der politisch-regulatorischen Arena von Regierungen und Behörden, sondern in einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung entschieden. Ein strategisches Konzept für die Kommunikation mit allen relevanten Akteuren in der Diskussion ist für Unternehmen daher von zentraler Bedeutung.

Marco Kutscher ist seit April 2021 Teil des Berliner Corporate & Public Affairs Teams von FleishmanHillard. Marco begeistert sich für Klima- und Energiepolitik sowie die Debatte zur Zukunft der Mobilität. Als Praktikant und Werkstudent beim Sanitärspezialisten Hansgrohe und dem Automobilzulieferer MAHLE sammelte er Erfahrungen in der Unternehmenskommunikation und politischen Interessenvertretung. Marco steht kurz vor dem Abschluss seines Masters im Bereich Kommunikationsmanagement.

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