Symbolbild: Carbon Capturing and Storage (CCS)

Reputationsrisiko bei Klimatechnologien – das Beispiel CCS

Die Bundesregierung hat eine Novelle des Bundes-Klimaschutzgesetzes auf den Weg gebracht und das Ambitionsniveau steigt noch einmal. Der IPCC rechnet mit einer zunehmenden Bedeutung von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung. Wer mit dem Einsatz der Technologie plant, sollte aber frühzeitig in deren Akzeptanz investieren, da in Teilen der Bevölkerung und Politik eine generelle Skepsis gegenüber der Verpressung von CO2 im Untergrund besteht – was auch am Erbe der Fracking-Debatte in Deutschland liegt

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zum Bundes-Klimaschutzgesetz hat die Bundesregierung in kürzester Zeit eine Novelle des Gesetzes abgestimmt und mit dem Kabinettsbeschluss vom 12. Mai in das parlamentarische Verfahren gegeben. Der Gesetzentwurf adressiert zum einen die Kritik des Gerichts, das in fehlenden Maßgaben für die Emissionsreduktion ab dem Jahr 2031 eine Verletzung der Grundrechte der jüngeren Generation sah. Zum anderen soll er das bisherige deutsche Klimaziel für 2030 an das neue gemeinsame Treibhausgasminderungsziel der EU anpassen. Das Europäische Parlament und der Rat der EU hatten sich im April darauf verständigt, dass die Mitgliedstaaten die Netto-Treibhausgasemissionen der EU gemeinsam um „mindestens 55 Prozent“ gegenüber dem Wert von 1990 reduzieren – bisher galt ein Ziel von 40 Prozent.

Die Bundesregierung will die deutschen Emissionen nun bis 2030 um mindestens 65 Prozent reduzieren, damit die EU Ihr gemeinsames Ziel erreichen kann. Bisher wurden mindestens 55 Prozent angestrebt. Darüber hinaus will sie aber auch fünf Jahre früher Treibhausgasneutralität erreichen und zwar im Jahr 2045. Als wichtigen Meilenstein auf dem Weg dorthin, sieht der Gesetzentwurf eine Emissionsminderung um mindestens 88 Prozent bis 2040 vor. Insgesamt steigert die Bundesregierung also noch einmal das Ambitionsniveau für den klimagerechten Umbau der Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft.

Es braucht mehr als Forschung und Entwicklung

Im Jahr 2020 beliefen sich die deutschen Treibhausgasemissionen auf 731 Mio. t. CO2-Äquivalente. Rund 55 Prozent der Emissionen fielen in der Energiewirtschaft (221 Mio. t. CO2-Äq) und in der Industrie (178 Mio. t. CO2-Äq) an. Die übrigen 45 Prozent verteilen sich auf den Verkehr (146 Mio. t. CO2-Äq), den Gebäudesektor (120 Mio. t. CO2-Äq) und die Landwirtschaft.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat vor allem die Energiewende für sinkende Emissionsmengen gesorgt. Um bis 2045 Treibhausgasneutralität zu erreichen, müssen jetzt aber alle Sektoren umdenken und schnell umsteuern. Energieeffizienz, Elektrifizierung und die Kopplung der Sektoren sind absehbar wichtige Hebel. Weitere sind Forschung und Entwicklung. Manch Technologie, die helfen könnte, ist noch nicht entwickelt und manch andere hat noch längst nicht den Punkt der Marktreife erreicht.

Entsprechend weit oben stehen Forschung und Entwicklung auf der Agenda von Politik und Wirtschaft. Haben Unternehmen und Politik relevante Klimaschutztechnologien für eine Branche identifiziert, reicht es aber nicht, allein deren Wirtschaftlichkeit und den Entwicklungsprozess bis zur Marktreife in den Blick zu nehmen. Daneben gilt es deren gesellschaftliche Akzeptanz frühzeitig mitzudenken. Andernfalls droht auch so mancher Klimaschutztechnologie eine Zukunft als „stranded asset“. Dieses Risiko wird im Folgenden am Beispiel von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung oder -Verwendung (CCS/CCU) beleuchtet.

CCS als Klimaschutzoption

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) geht in seinen Berichten davon aus, dass CCS und CCU einen Beitrag zu leisten haben, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. In den Szenarien des IPCC wächst die Bedeutung der Technologien mit dem Ambitionsniveau des gewählten Treibhausgasminderungspfad. Nur in Szenarien, die mit einer stark rückläufigen Energienachfrage rechnen, spielt CCS keine Rolle. Im Energiebereich prognostizieren die IPCC-Szenarien insbesondere eine Kombination von Bioenergie- und Gaskraftwerken mit CCS. Die Kopplung von Bioenergie und Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (BECCS) ist noch einmal besonderes relevant, da sie zu negativen Emissionen führt – der Atmosphäre in der Gesamtbilanz also CO2 entzieht. Das britische Energieunternehmen Drax Power Limited betreibt mit dieser Technologie bereits zwei Pilotanlagen im Kraftwerk Drax in North Yorkshire, Großbritannien. Ein Einsatz von BECCS im kommerziellen Maßstab ab 2027 geplant.

Daneben gibt es in der Industrie Prozesse, die nur schwer oder mit sehr hohen Kosten zu dekarbonisieren sind – auch hier kann CCS einen Beitrag leisten. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) bezeichnet CCS dann auch als „wichtige Klimaschutzoption“ und verweist dabei vor allem auf die Zement-, Stahl- und Aluminiumproduktion.

Symbolbild: Der IPCC rechnet mit einer zunehmenden Bedeutung von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung für die Realisierung der Pariser Klimaziele

Der IPCC rechnet mit einer zunehmenden Bedeutung von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung für die Realisierung der Pariser Klimaziele.

Aktuell steht die Entwicklung und großtechnische Erprobung der CCS-Technologien im Fokus. Die rechtliche Grundlage für die Demonstrationsanlagen ist das Gesetz zur Demonstration und Anwendung von Technologien zur Abscheidung, zum Transport und zur dauerhaften Speicherung von Kohlendioxid (KSpG) von 2012. Das KSpG setzt die EU-Richtlinie über die geologische Speicherung von Kohlendioxid um. Konkret regelt das Gesetz die Untersuchung des Untergrundes auf seine Eignung zur dauerhaften Speicherung, die Errichtung und den Betrieb des Kohlendioxidspeichers, die Stilllegung und die Nachsorge des Kohlendioxidspeichers sowie dessen Übertragung auf die öffentliche Hand nach Ablauf einer 40-jährigen Frist nach der Stilllegung. „Zentraler Maßstab bei der dauerhaften Speicherung ist die Langzeitsicherheit“, unterstreicht das BMWi. Der Betreiber müsse zudem „Vorsorge gegen Beeinträchtigungen von Mensch und Umwelt nach dem Stand von Wissenschaft und Technik treffen“.

Das es erstmal nur zu einem „Forschungsgesetz“ für CCS kam, lag auch an einer Stellungnahme des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) zu einer ersten Gesetzesinitiative im Jahr 2009. Der SRU hob hervor, dass viele Fragen im Zusammenhang mit CCS ungeklärt seien. Offen sei beispielsweise, „ob es sinnvoll ist, in Deutschland CO2 unterirdisch zu lagern“. Aufgrund der begrenzten Speicherkapazitäten stünden verschiedene Nutzungen wie CO2-Speicherung, Geothermie, Druckluft- und Gasspeicherung in Konkurrenz zueinander. Aus Sicht des SRU war zu dem Zeitpunkt nicht absehbar, welche Art der Nutzung den größten Nutzen für den Klimaschutz erbringen würde. Darüber hinaus thematisierte der SRU die Frage der Langzeitkosten. Ist CO2 einmal unterirdisch verpresst, muss der langfristig sichere Einschluss gewährleistet werden, eine Aufgabe, die ähnlich wie bei der nuklearen Endlagerung realistischer Weise nur der Staat übernehmen kann. Vor diesem Hintergrund riet der Sachverständigenrat über die Anwendung von CCS „in einem transparenten politischen und gesellschaftlichen Prozess und nach Abschätzung der langfristigen ökologischen und ökonomischen Folgen zu entscheiden“.

Akzeptanz braucht aktive Kommunikation

Unabhängig davon, dass die wissenschaftlich begleitete Erprobung der Technologie noch nicht abgeschlossen ist, hat sich mit der Partei Die Linke die erste im Bundestag vertretene Partei gegen den Einsatz von CSS in Deutschland ausgesprochen. Im Leitantrag zum Wahlprogramm für die anstehende Bundestagwahl heißt es dazu: „Wir setzen uns dafür ein, dass auch die unterirdische Verpressung von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS) verboten wird.“ Dabei zieht die Partei eine enge Verbindung zum Fracking im Öl- und Gassektor. In den Programmentwürfen der anderen Parteien sind solche aussagen bisher nicht zu finden – stattdessen wird das Thema ausgespart.

Die Aussage des Wahlprogramms der Linken verdeutlicht aber das Risiko für alle Unternehmen und Sektoren, die planen, CCS in den kommenden Jahren zu nutzen, um ihren C02-Ausstoß zu mindern und am Ende klimaneutral zu werden. Es gibt tief verwurzelte Sorgen in der Bevölkerung, was die Verpressung von Stoffen in der Erde angeht – sei es die Angst vor einer Kontamination von Grundwasser, geologischer Instabilität oder dem Wiederausdringen von CO2 aus den unterirdischen Speichern. Ein weiterer Aspekt, der berücksichtigt werden muss, ist die erste CCS-Debatte von 2009. Damals warnten Kritiker davor, dass die Technologie genutzt werden könnte, um die Nutzung von Kohle zur Stromerzeugung um Jahrzehnte zu verlängern. Das Thema Kohle dürfte aufgrund es eingeschlagenen Pfades in der Energie- und Klimapolitik vom Tisch sein – aber die Debatte könnte in Bezug auf die Kopplung von Gaskraftwerken mit CCS wieder an Fahrt gewinnen.

Hierauf ausschließlich mit einer nüchternen Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse zu reagieren, wird nicht ausreichen. Um für die Akzeptanz der Technologie nach bewiesener Sicherheit und Marktreife zu Sorgen, braucht es eine frühzeitige Kommunikation auf lokaler und gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Die Grundlage dafür ist eine fundierte Public Affairs-Strategie. Deren Ausgangspunkt ist die Identifikation der relevanten Stakeholder von der kommunalen über die Landes- bis hin zur Bundesebene. Dabei sind Politik und Verwaltung genauso in den Blick zu nehmen wie Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Medien. Inhaltlich geht es vor allem darum Transparenz zu schaffen. Wie ist der Stand bei Forschung und Entwicklung? Welche Erkenntnisse konnten bereits zu etwaigen Risikofaktoren gewonnen werden? Gibt es Pläne für den Aufbau von CCS-Anlagen? Damit ein solcher Transparenz-Ansatz tatsächlich vertrauensbildend wirken kann, muss er authentisch sein und auf ernst gemeinter Offenheit beruhen. Daneben gilt es die richtigen kommunikativen Inhalte und Instrumente für die verschiedenen Stakeholder zu wählen. Ein Bürgermeister betrachtet das Thema CCS aus einem anderen Blickwickel als eine Bundestagsabgeordnete oder Mitglieder eines lokalen Umweltverbandes. Bei der Entwicklung des richtigen kommunikativen Ansatzes können Public Affairs-Experten aufgrund Ihrer Erfahrung im strategischen Management von Entscheidungsprozessen eine wichtige Rolle spielen.

Hendrik Köstens arbeitet seit April 2021 als Managing Supervisor im Berliner Büro von FleishmanHillard. Sein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der deutschen sowie europäischen Energie- und Klimapolitik. Vor seinem Wechsel arbeitete Hendrik sechs Jahre beim Tagesspiegel Verlag, wo er als Chef vom Dienst das Tagesspiegel Politikmonitoring leitete. Dort befasste er sich neben Fragen der Energie- auch mit der Digitalpolitik und wirkte am Aufbau des Fachinformationsdienstes Background Energie & Klima mit.

Hendrik Köstens

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