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Titelbild: Geteilte Informationskanäle: Antwort auf die Polarisierung der Gesellschaft

Geteilte Informationskanäle: Antwort auf die Polarisierung der Gesellschaft

Ist unsere Gesellschaft politisch gespalten? Die starke Zustimmung für die Parteien der demokratischen Mitte spricht gegen diese These. Doch Angriffe auf die Legitimität der Medien gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie die Polarisierung der Informationskanäle vorantreiben. Wollen wir weiterhin politische Lösungen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs erreichen, dürfen wir dies nicht hinnehmen.

„Hang Mike Pence“, fordert der Mob, der am 6. Januar das Kapitol in Washington stürmte. Der scheidende republikanische Präsident Donald Trump hatte seine Anhängerinnen und Anhänger aufgerufen, die förmliche Bestätigung des Wahlsiegs des Demokraten Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl 2020 unter der Leitung des Vizepräsidenten Pence zu verhindern. Ein Galgen war bereits in Sichtweite des Kapitols aufgestellt.

„Hang Mike Pence“, fordert der Mob, der am 6. Januar das Kapitol in Washington stürmte. Einen Galgen hatten die Putschisten bereits in Sichtweite des Kapitols aufgebaut

„Hang Mike Pence“, fordert der Mob, der am 6. Januar das Kapitol in Washington stürmte. Einen Galgen hatten die Putschisten bereits in Sichtweite des Kapitols aufgebaut (Tyler Merbler auf flickr | CC BY 2.0).

Bis heute glauben 30 Prozent der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger der USA, dass Trump die Wiederwahl durch illegale Stimmen verwehrt wurde. Konservative Medienhäuser und informelle Informationskanäle seiner Unterstützerinnen und Unterstützer teilen diese Auffassung – oder geben Trump zumindest eine Plattform zur Erneuerung seiner Anschuldigungen. Immer weiter driften die linken und rechten Echokammern der politischen Lager auseinander, immer tiefer werden die Gräben der Gesellschaft. Ein Zustand, der seinen bisherigen traurigen Höhepunkt im Sturm auf das Kapitol fand.

Die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland bekennt sich zur demokratischen Mitte

Der Blick über den Atlantik setzt das von deutschen Politikerinnen und Politikern, Journalistinnen und Journalisten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern regelmäßig bediente Bild der gespaltenen Gesellschaft ins Verhältnis. Sowohl die vergangenen Wahlen als auch aktuelle Umfragewerte zeigen, dass sich die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hierzulande mit den Parteien der demokratischen Mitte identifiziert. Eine echte Ablehnung des Parlamentarismus sowie seiner Institutionen und Prozesse findet sich nur an den äußersten Rändern des politischen Spektrums, insbesondere am rechten. Angesichts dieser Verhältnisse eine Spaltung der Gesellschaft zu diagnostizieren, überhöht die Relevanz dieser Strömungen. Die demokratische Mitte ist stark in Deutschland, die Schnittmenge der individuellen Realitäten der Bürgerinnen und Bürger groß.

Geteilte Fakten sind zentral für konstruktive Diskurse

Keinesfalls sollten wir jedoch den Fehler begehen, diesen Zustand für gegeben und unumkehrbar zu nehmen. Die Diskursfähigkeit unserer Gesellschaft resultiert aus der Funktionalität unseres Mediensystems und dem Informationsverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Der Großteil der deutschen Bevölkerung informiert sich über klassische Medien, etwa den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk sowie Zeitungen und deren Digitalauftritte. Diese Medien haben sich einer vielfältigen, qualitativ hochwertigen und neutralen Berichterstattung verschrieben und Institutionen zur Kontrolle dieses Selbstverständnisses geschaffen. Traditionelle Medien stellen damit das Fundament eines funktionalen öffentlichen Diskurses sicher: eine gemeinsame Realität auf Basis geteilter Fakten.

Nachrichten werden zunehmend im Netz und über die sozialen Medien bezogen

Nachrichten werden zunehmend im Netz und über die sozialen Medien bezogen (Quelle: Reuters Insitute Digital News Report 2020 / Leibniz-Institut für Medienforschung / Hands-Bredow-Institut).

Doch sowohl die Struktur des Mediensystems als auch die Formen der Informationsbeschaffung sind einem radikalen Wandel unterworfen. Soziale Medien gewinnen zunehmend an Bedeutung, insbesondere in der jüngeren Generation: 2020 gaben 30 Prozent der 18- bis 24-jährigen an, Nachrichten primär über soziale Medien zu beziehen. Diese Verschiebung des politischen Diskurses auf den digitalen Raum birgt bei allen Chancen auch gewaltige Risiken: Politischen Akteurinnen und Akteuren bietet die Verlagerung auf informelle Diskursräume die Möglichkeit, die Schranken journalistischer Berichterstattung zu umgehen und in Eigenregie neue Realitäten zu schaffen. Langfristig kann diese Segmentierung der Informationskanäle zu einer Polarisierung des gesellschaftlichen Diskurses führen, wie es in den USA zu beobachten ist.

Die Segmentierung der Informationskanäle und die Polarisierung der Gesellschaft sind politisch motiviert

Rechte Parteien und politische Strömungen, die in den klassischen Medien kein Gehör finden oder negativ diskutiert werden, eröffnen soziale Medien neue Potenziale, um Unterstützerinnen und Unterstützer zu gewinnen sowie Anhängerinnen und Anhänger nachhaltig zu binden. Die Segmentierung der Informationskanäle und Polarisierung der Gesellschaft ist damit in ihrem politischen Interesse.

Ein Bestandteil dieser Strategie sind Angriffe auf die Legitimität klassischer Medien, denn die hieraus resultierenden Glaubwürdigkeitsverluste zahlen direkt auf das Ziel der Diskursverschiebung in informelle Räume ein. Sichtbar wird dies etwa in der vom rechten Rand des politischen Spektrums befeuerten Debatte zum vermeintlich ideologischen Unterbau unseres Mediensystems. Ihr prominentester Ausschlag in der jüngeren Vergangenheit ist Hans-Georg Maaßens Forderung nach einem politischen Gesinnungstest für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tageschau. Zu links, zu grün und zu unkritisch gegenüber den Regierenden und dem eigenen parteipolitischen Lager seien die Journalistinnen und Journalisten in Deutschland, lautet der wiederkehrende Vorwurf von rechts. Belastbare empirische Belege für diese These bleiben die Kritikerinnen und Kritiker schuldig. Doch außerhalb des reglementierten Raums der klassischen Medien, in den Echokammern gleichgesinnter Adressatinnen und Adressaten, zählt die Stichhaltigkeit des Arguments wenig.

Fazit: Konstruktive Diskurse und Zusammenhalt basieren auf geteilten Fakten

Wollen wir ein Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindern, müssen wir der Polarisierung unserer Informationskanäle entgegentreten. Nur eine gemeinsame Realität mit geteilten Fakten ermöglicht uns, im Diskurs gesellschaftlich tragfähige Lösungen für die Herausforderungen von heute und morgen zu entwickeln. Hierfür ist ein funktionales und demokratischen Werten verpflichtetes Mediensystem elementar.

Soziale Medien ermöglichen eine niedrigschwellige Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Die erhoffte Deliberation im Habermasschen Sinne durch die Digitalisierung zeichnet sich jedoch nicht ab. Echte Deliberation erfordert Rationalität, Konstruktivität und Gehör für andere Positionen – in den sozialen Medien zählt aber häufig weniger die Güte des Arguments, als das Gesetz des Marktplatzes, wie Bodo Morshäuser jüngst feststellte: „Wer am lautesten schreit, wird am ehesten gehört.“

Angesichts des wachsenden Zuspruchs sozialer Medien unter den nachwachsenden Generationen dürfen wir diesen Raum nicht einzelnen politischen Strömungen überlassen. Die Parteien der demokratischen Mitte sowie die privaten und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien müssen daher attraktive Plattformen für den demokratischen Diskurs im Digitalen schaffen. Dazu gehört auch, eine gesellschaftliche Debatte über die Spielregeln des Austauschs im Netz anzustoßen, denn wenn wir die deliberativen Potentiale des Internets heben wollen, benötigen wir einen von Respekt und Konstruktivität geprägten Code of Conduct möglichst vieler Beteiligter. Der regelmäßige Blick über den Atlantik sollte für uns als Gesellschaft Motivation genug sein, diese Herausforderung anzugehen.

Marco Kutscher ist seit April 2021 Teil des Berliner Corporate & Public Affairs Teams von FleishmanHillard. Marco begeistert sich für Klima- und Energiepolitik sowie die Debatte zur Zukunft der Mobilität. Über Praktika und Werkstudententätigkeiten sammelte er Erfahrungen in der strategischen Kommunikation und politischen Interessenvertretung. Marco steht kurz vor dem Abschluss seines Masters im Bereich Kommunikationsmanagement.

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