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Die Energiewende vor der zweiten Halbzeit

Die Energiewende vor der zweiten Halbzeit

Die erste Halbzeit der Energiewende, geprägt von der Dekarbonisierung der Stromerzeugung, liegt hinter uns. Vor uns liegt die weitaus größere Herausforderung der Dekarbonisierung aller emittierenden Sektoren.

Seit dem Reaktorunfall von Fukushima vom 11. März 2011 und dem folgenden Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland hat das Generationenprojekt Energiewende deutlich an Fahrt aufgenommen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen und ihre Folgen haben die Energiewirtschaft im letzten Jahrzehnt fundamental verändert. Neue Märkte und Geschäftsmodelle haben sich in kürzester Zeit entwickelt.

Der Wettbewerbs-, Innovations- und Veränderungsdruck in der Branche ist hoch. Klima- und Umweltschutz sind in der europäischen und nationalen Politik verankert und werden auch in den nächsten Jahrzehnten die politischen und wirtschaftlichen Agenden wesentlich formen. Doch wie hoch wird der politische Transformationsdruck in der kommenden Legislaturperiode wirklich sein? Und was bedeutet diese rasante Transformation der Branche für die politische Kommunikation ihrer Akteure?

Die erste Halbzeit: Erneuerbare Stromerzeugung und das Ende der alten Energiewirtschaft

Die alte Energiewelt des atomaren und fossilen Zeitalters war übersichtlich. Atomkraft, Kohle und Gas definierten die Erzeugerseite, ab den 2000ern erlebten Windenergie und wenige Jahre später Photovoltaik ihren energiepolitischen Aufschwung. Die Energiewelt der Gegenwart ist differenziert, komplex und vielfältig, nicht nur auf der Erzeuger- sondern auch auf der Verbraucher- und Infrastrukturebene. Interessanterweise ist die Innovationsgeschwindigkeit der Branche unterschiedlich zu bewerten. Denn einerseits drängen gerade im Erzeugungsbereich immer neue Technologien und Anwendungen in den Markt, im Bereich Digitalisierung der Energiewende, Stichwort Smart Metering, kann kaum von Fortschritt gesprochen werden. Märkte und Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft haben sich in kürzester Zeit rasant verändert, die Daseinsberechtigung der großen Energieversorgungsunternehmen – RWE, E.ON, EnBW, Vattenfall und auch einige der großen Regionalversorger – stand in Frage. Um dem entgegenzuwirken war vielerorts selten eine gänzliche Neuerfindung nötig, sondern viel öfter eine Neuausrichtung. Die Veränderungen beschränkten sich dabei nicht nur auf das Geschäftsmodell, sondern erforderten den umfassenden Wandel von Unternehmenskulturen, der Außenkommunikation und nicht zuletzt der Public Affairs-Funktion.

Die erste Halbzeit der Energiewende war dadurch geprägt, dass die Politik den Anteil der erneuerbaren Energien im Stromsektor schnell und kontinuierlich steigern wollte. Dafür wurde mit dem EEG ein Instrument geschaffen, das lange Zeit marktfern und kostenintensiv war. Diese Art der Technologieförderung hat zuletzt ca. 30.9 Milliarden Euro pro Jahr gekostet. Im Nachhinein lässt sich argumentieren, dass diese Kosten Investitionen waren, die uns kaum für möglich gehaltene Technologiesprünge gebracht haben. Über diese Investitionen wurden die Kosten für die Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne auf ein Niveau gedrückt, das vor einer Dekade kaum jemand für möglich gehalten hätte. Diese Technologiesprünge weisen uns nun den Weg und eröffnen uns ungeahnten Spielraum für die jetzt anstehende Dekarbonisierung aller Sektoren.

Der Stromerzeugungsbereich hat also beeindruckende Schritte hin zur Klimaneutralität genommen. Gleichzeitig stehen wir jedoch in allen anderen emissionsrelevanten Sektoren vor enormen Herausforderungen. Der Zubau dezentraler Erzeugungsanlagen hat zwar die Energiewirtschaft stark verändert, Stromflüsse umgedreht und zu hohen Mehrkosten bei den Verbrauchern geführt – einen tiefgreifenden systemischen Wandel hat er bislang nicht erforderlich gemacht. Nun stehen wir vor der viel größeren Herausforderung der Dekarbonisierung aller Sektoren auf Basis erneuerbarer Energien durch die Sektorenkopplung.

In diesem schnellen von einer Vielzahl von Playern, Technologien und Innovationen geprägten Transformationsprozess spielt der Gesetzgeber eine zentrale Rolle. Die vielen energiepolitischen Steuerungsinstrumente wie Subventionen, Steuern, Abgaben und Umlagen, den Entlastungen von diesen, Quoten und Verbote entscheiden wesentlich über gelungen Markthochläufe, Erfolg und Misserfolg von Geschäftsmodellen. Kaum ein anderes Politikfeld ist derart reguliert, unübersichtlich, und von staatlichen Interventionen geprägt wie die Energiewirtschaft. Und in kaum einem anderen Politikfeld ist die Stakeholderlandschaft derart komplex und unübersichtlich wie in der Energiewirtschaft. Die Sektorenkopplung wird die Anzahl der Stakeholder nochmals deutlich erhöhen.

Die zu Ende gehende Legislaturperiode: Stillstand, Fortschritt, New Green Deal

Vor der letzten Bundestagswahl schien die Energiepolitik ermattet in eine Halbzeitpause zu gehen: Führende Energiepolitiker fast aller Parteien waren verzweifelt: Die hochkomplexe Energiepolitik sei in den Fraktionen kaum mehr vermittelbar, in Politik und Öffentlichkeit fehlte es durchweg an Interesse und Aufmerksamkeit für das Thema. Schlimmer noch: Mangelnde Akzeptanz für Infrastruktur und steigende Kosten machten Energiepolitik zu einem Politikfeld, auf dem man nicht gewinnen zu können schien. In den Wahlprogrammen spielte die Energie- und Klimapolitik deshalb eine untergeordnete Rolle. Und das obwohl nach der Verabschiedung des Pariser Klimaschutzabkommens 2015 dringend zentrale Weichenstellungen auf den Weg zur Klimaneutralität getroffen werden mussten.

Auch viele Unternehmen der Energiewirtschaft waren ob der Ambitionslosigkeit desillusioniert: Das galt für Unternehmen mit Energiewende-Geschäftsmodellen genauso wie für viele etablierte Unternehmen: Das Erfordernis, das eigene Geschäftsmodell „Paris-kompatibel“ auszugestalten, um die license-to-operate langfristig abzusichern, hatte sie teils disruptive Transformationen durchleben lassen. Auch sie hatten und haben heute die Erwartung an die Politik, die Energiewende konsequent zum Erfolg zu führen.

Der Abbruch der Jamaika-Verhandlungen im Winter 2017 schien dann endgültig einen Schatten auf die Legislaturperiode zu werfen: Im letzten Entwurf des Koalitionsvertrags der angedachten Jamaika-Koalition fand sich weder eine sektorübergreifende CO2-Bepreisung, noch andere bahnbrechende Neuerungen. Wie sollte dann eine große Koalition Antworten auf die dringenden Fragen finden? Und die Kritiker schienen lange Zeit Recht zu behalten: Energie- und Klimapolitik spielte auch im Koalitionsvertrag eine eher geringe Rolle. Alles sah nach der Verwaltung des Status-Quos aus, nach vier verlorenen Jahren für die Energiewende, die so dringend Entscheidungen brauchte. Doch dann geschah ein kleines Wunder, die große Koalition brachte eine Vielzahl von richtungsweisenden Beschlüssen auf den Weg: Der Ausstieg aus der Kohleverstromung wurde beschlossen, der Einstieg in die sektorenübergreifende CO2-Bepreisung wurde gemacht, Governance-Regelungen des Klimaschutzgesetzes wurden etabliert und auf europäischer Ebene wurde der Green New-Deal verabschiedet und die europäischen Klimaschutzziele 2030 verschärft. Und Klimaschutz blieb trotz oder gerade wegen Corona auf der politischen Agenda – „build back better“ ist nicht nur in Deutschland Handlungsmaxime der Post-Corona-Aufbauhilfe geworden.

Die große Koalition kam, um im Bild zu bleiben, mit Schwung aus der Halbzeitpause. Seither hat sich auch ein Gefühl der Unumkehrbarkeit der Energiewende verbreitet. Wie konnte es dazu kommen? Was sind die Treiber dieser neuen Dynamik?

Neuer Schwung: Technologie, Kapital und Fridays for Future

Erstens ist es der enorme technologische Fortschritt. Wir haben in den letzten Jahren eine massive Kostendegression bei gleichzeitiger Leistungssteigerung bei grünen Technologien erlebt. Gleichzeitig stehen viele neue Technologien (z. B. Technologien zur Elektrifizierung, Wasserstoff) vor dem Marktdurchbruch. Viele Unternehmen investieren in grüne Technologien, weil es schon heute oder strategisch und mittelfristig der bessere business-case ist. Viele grüne Technologien sind ausgereift, wettbewerbsfähig und schlichtweg günstiger.

Zweitens ist es der Druck, der von den Finanzmärkten auf Unternehmen ausgeübt wird. Denn die „Paris-Kompatibilität“ von Geschäftsmodellen ist zu einem wichtigen Faktor in der (langfristigen) Unternehmensbewertung geworden. Große Investoren wie Versicherungen, Banken und Investmentgesellschaften fordern mittlerweile öffentlich einen Strategiewechsel, eine Abkehr von fossilen Brennstoffen und ziehen im Zweifel ihr Kapital ab. Mehrfach überzeichnete Green Bonds unterstreichen, dass die Finanzmärkte händeringend nach grünen Investmentmöglichkeiten suchen. Die Macht des Kapitals auf die Privatwirtschaft kann kaum überschätzt werden.

Drittens lösen neue soziale Bewegungen massiven Handlungsdruck bei der Politik und auf Unternehmensseite aus. Diese unterscheiden sich von den etablierte Umweltakteuren mit zum Teil jahrzehntelangen Entwicklungsgeschichten, wie BUND, NABU, Greenpeace, WWF, Germanwatch und viele mehr. Diese sind durch ihre jahrzehntelange Arbeit direkt und indirekt in Netzwerke und Entscheidungsstrukturen eingebunden und werden bisweilen als Bestandteil des politischen Establishments wahrgenommen. Neue Bewegungen wie Fridays for Future (FfF) haben in beeindruckender Weise vor allem junge Menschen für den Umwelt- und Klimaschutz mobilisieren können und sich mit Protesten und konkreten Forderungen an die Politik sichtbar in den umweltpolitischen Diskurs eingebracht. Sie haben glaubwürdig und wirkmächtig auf die intergenerationale Ungerechtigkeit des Klimawandels hingewiesen, die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert und konkrete Policys ausgelöst (sektorenübergreifende CO2-Bepreisung), die zu Beginn der Legislaturperiode unerreichbar schienen.

Last, but not least haben große Teile der etablierten Energiewirtschaft einen neuen Kurs eingeschlagen: Die vielen Jahre der Rückzugsgefechte um Kernenergie, Braunkohletagebau und Kohleverstromung sind vorüber. Diese Rückzugsgefechte haben Vertrauen und Akzeptanz vieler Stakeholdern gekostet und dazu geführt, dass ihr politischer Einfluss nachgelassen hatte. Unter dem Druck, des technologischen Fortschritts, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen und einer neuen Marktlage haben sich fast alle Unternehmen neu ausgerichtet: Strategien und Positionierungen, die Unternehmen auf Lösungsbeiträge zur Klimaneutralität ausrichten, sind heute der Standard. Große Teile der Energiewirtschaft drängt heute auf die Gestaltung der Energiewende und unterstützt verlässliche klimapolitische Leitplanken. In unserer Beratungspraxis spielt die Begleitung dieser Transformation die zentrale Rolle. Auch wenn es solche Projekte noch geben mag: Wir bekommen keine Anfragen zur politischen Bekämpfung der Energiewende und könnten auch niemandem raten, dies zu versuchen.

Auf in die zweite Halbzeit der Energiewende

Wie wird die zweite Halbzeit beginnen? Dem breiten klimapolitischen Konsens stehen große Herausforderungen gegenüber: Mit höherer Geschwindigkeit als je zuvor müssen Wirtschaft und Gesellschaft dekarbonisiert werden, konsequente Sektorenkopplung und Digitalisierung der Energiewirtschaft sind erforderlich und brauchen einen neuen regulatorischen Rahmen. Betroffen sind auch die wichtigsten deutschen Wertschöpfungscluster – beispielsweise Stahl-, Chemie- und Grundstoffindustrie, Automobil-, Luft- und Schifffahrtindustrie. Eine besondere Herausforderung besteht in der großen Bedeutung von Exporten für die deutsche Wirtschaft, die bei allen Bemühungen um Klimaschutz ihre globalen Marktchancen wahren muss.

Die Industrie wird sich der schwierigen Konstellation von Stakeholder-Erwartungen ausgesetzt sehen, die die klassischen Energieunternehmen in den vergangenen Jahren beschäftigt haben: In einer dynamischen und komplexen Umwelt sollen sie Beiträge zum Klimaschutz leisten, gleichzeitig ihre Geschäftsmodelle transformieren und ihre Ertragskraft sichern.

Was ist dabei aus Public Affairs Perspektive wichtig?

  • Unternehmen müssen ihre Umwelt systematisch beobachten, um zu verstehen was gesellschaftlich und politisch um sie herum geschieht. Sie benötigen ein Frühwarnsystem, das frühzeitige strategische Reaktionen erlaubt.
  • Unternehmen müssen die für sie relevanten Stakeholder identifizieren und vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufbauen, um ihre Erwartungen und Einstellungen verstehen und darauf reagieren zu können.
  • Unternehmen benötigen eine klare Roadmap für ihren Dekarbonisierungsprozess. Eine entsprechende glaubwürdige Erzählung ist für die Wahrung der Reputation gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Kapitalmarkt und Politik heute unerlässlich.

Matthias Krülls arbeitet seit Sommer 2020 bei FleishmanHillard. Er berät eine Vielzahl von Unternehmen, Verbänden und Institutionen im Bereich der politischen Kommunikation und Interessenvertretung mit Schwerpunkt Energie- und Klimapolitik. Bevor er zu FleishmanHillard kam, arbeitet Matthias für die internationale Kommunikationsberatung Edelman und bei Johanssen + Kretschmer als Berater im Bereich Energie- und Klimapolitik.​

Matthias Krülls

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